Sonstiges

Frauen und Ahnenforschung

Frauen und Ahnenforschung - ein schwieriges Thema. Leider weiß man oft nur sehr wenig über die Frauen aus den vergangenen Jahrhunderten. Zu Beginn der Datenerfassung in den Kirchenbüchern im 16. Jahrhundert wurden sie oft nur mit ihrem Rufnamen verzeichnet.

Sie übten keine Berufe aus und hatten keine öffentlichen Ämter inne. Erwähnung fanden sie manchmal in Kaufverträgen oder ähnlichen Unterlagen - oft als "Frau", "Tochter" oder "Witwe" "des" - des Mannes, dessen "Anhängsel" sie waren. Das einzige Amt, das sie ab und an bekleideten war das Patenamt.

Neben Geburts- und Sterbedatum kennt man bei den Frauen aber vor allem eines: Die Anzahl ihrer Kinder. Oft bekamen sie viele Kinder in kurzen Zeitabständen - etliche dieser Kinder starben bereits im Säuglingsalter. Manchmal kann man anhand der vorhanden Daten erahnen, welchen Schicksalschlägen diese Frauen ausgesetzt waren: da starben zum Beispiel mehrere ihrer Kinder innerhalb weniger Tage oder sie mussten einen Witwer heiraten, um dessen Kinderschar zu versorgen.

Über kinderlose, unverheiratete Frauen kann man nur wenig oder gar nichts aussagen, da außer ihrem Geburtsdatum meist nichts bekannt ist. Einzige Ausnahme: Nonnen. Wichtige Stationen in deren Leben wurden in den entsprechenden Klöstern aufgezeichnet.

Anhand einiger Lebensläufe möchte ich versuchen, die Familienforschung etwas persönlicher und erfahrbarer zu machen. Frauen sollen wahrgenommen werden.


Nicht die Zahlen sind interessant - sondern die Geschichten hinter diesen Zahlen.
Möge sich dazu jeder seine eigenen Gedanken machen.



Lebensläufe



Rätselhafte Lebensgeschichte - Elisabeth Gläß (1872)

Elisabeth Gläß wird 1872 in dem kleinen Ort Mainkling als uneheliches Kind der Catharine Gläß geboren. Im Alter von 23 Jahren bekommt sie selbst einen unehelichen Sohn in Kleinbrettheim. Drei Jahre später kommt der zweite Sohn in Onolzheim zur Welt. Wieder zwei Jahre später wird das dritte Kind, eine Tochter, in Raboldshausen geboren und stirbt 12 Tage später in Blaufelden. Nach weiteren zwei Jahren bekommt Elisabeth ihren dritten Sohn, diesmal in Ettenhausen. Im März 1905 kommt in Heilbronn Tochter Luise zur Welt.

Elisabeth ist 32 Jahre alt, als sie im September 1905 in Heilbronn den Tagelöhner und späteren Hausmeister Carl Gottlieb Böhringer heiratet. Die letztgeborene Tochter wird nachträglich für ehelich erklärt und trägt den Nachnamen Böhringer. Was aus den drei unehelichen Söhnen wurde, ist unbekannt. Sie lebten nicht in der Familie.

Elisabeth bekommt schließlich noch zwei eheliche Söhne, der jüngste stirbt im Kindesalter. Von Elisabeths Kindern wachsen nur die beiden Jüngsten bei ihren Eltern auf.

Bemerkenwert an dieser Lebensgeschichte ist die große Anzahl unehelicher Kinder und die vielen Ortswechsel der Mutter. Mündlich überliefert ist, dass in der Familie gar nicht bekannt war, dass Elisabeth so viele Kinder hatte - das erfuhr man erst nach Durchsicht ihrer Unterlagen nach ihrem Tod im Jahr 1943. Elisabeth Gläß war meine Urgroßmutter.



Bauernsohn bestreitet Vaterschaft - Friederike Henriette Luise Grüner (1859)

Friederike Henriette Luise Grüner - selbst eine uneheliche Tochter - wird 1859 geboren. Im Alter von 23 Jahren bringt sie ihre Tochter Anna Pauline Rosa Grüner zur Welt. Ein paar Tage später findet die Taufe statt - aber nicht in einer Kirche, sondern "im Hause zu Lichtenbrunn". Als Taufzeugin tritt unter anderem die Tochter eines Gutsbesitzers auf.

Der Vater des Kindes, Louis Dietzel, ein Bauernsohn (vielleicht Sohn des Gutsbesitzers), bestreitet die Vaterschaft. Mündlich überliefert ist, dass Annas Vater ein reicher Herr gewesen sei. Man mutmaßt, dass Friederike Henriette Luise bei ihm in Diensten stand.

In Harra heiratet sie im Jahr 1877 Johannes Heinrich Karl Köcher aus Lichtenbrunn. Sie bekommt von ihm noch drei Kinder.

Dass reiche Herren ihre Mägde schwängerten und die Vaterschaft dann bestritten, ist mit Sicherheit keine Seltenheit. Bemerkenswert ist in diesem Fall die Situation bei der Taufe der unehelichen Tochter. Friederike Henriette Luise Grüner war meine Ururgroßmutter.



Trauriger Rekord - Friederike Pauline Senghas (1842-1885)

Friederike Pauline heiratet im Alter von 25 Jahren den Bürger, Bauern und Straßenwart Gottlieb Friedrich Böhringer. 3 Monate nach der Hochzeit kommt die erste Tochter zur Welt. Es folgen zwei Söhne - der letztgeborene stirbt nach drei Tagen. Nun folgen alle 1-2 Jahre noch acht Kinder. In 16 Jahren Ehe bekommt Friederike Pauline also 11 Kinder - das letzte ist noch keine zwei Jahre alt, als sie selbst stirbt. Sie wurde nur 43 Jahre alt.

Dieses Schicksal teilen wohl viele Frauen aus früheren Zeiten. Es kommt mehrfach vor, dass Frauen bei der Hochzeit bereits schwanger sind. Dann gebären sie ein Kind nach dem anderen und sterben relativ jung. Friederike Pauline war meine Ururgroßmutter.



Leben und Tod - Elisabeth Bayer (1710-1777)

Elisabeth kommt 1710 als viertes von acht Kindern in Brettach zur Welt. Im Alter von 19 Jahren heiratet sie Hans Martin Böhringer, Küfermeister in Brettach. In den nächsten 5 Jahren bekommt sie drei Töchter. Im Jahr darauf sterben ihre beide Großeltern mütterlicherseits. Wieder ein Jahr später, am 10. Mai 1738, kommt ihre vierte Tochter zur Welt. Keine drei Wochen später stirbt ihre zweite Tochter im Alter von vier Jahren. 1740, 1742 und 1743 bekommt sie die nächsten drei Töchter. Die Letztgeborene stirbt im Alter von 13 Tagen. Einen Tag später stirbt auch die 12 Monate alte Tochter. Es ist kurz vor Weihnachten.

In den nächsten vier Jahren bekommt sie weitere drei Kinder. Als Elisabeth 41 Jahre alt ist, stirbt ihr Vater. Sie bekommt noch zwei Kinder - das letzte im Alter von 45 Jahren. Die jüngste Tochter stirbt als Vierjährige. Zwei Jahre später stirbt Elisabeths Ehemann. Sie ist 52 Jahre alt - von ihren 12 Kindern leben noch acht. 10 Jahre später stirbt auch ihr zweitjüngster Sohn - im Alter von 20 Jahren. Vier Jahre später stirbt sie selbst - sie wurde 66 Jahre alt.

Diese Art Lebenslauf ist beispielhaft für viele Frauen zu dieser Zeit. Dabei ging es Elisabeth finanziell sicher nicht schlecht - ihr Ehemann war Küfermeister und ihr Schwiegervater war unter anderem Bürgermeister von Brettach. Elisabeths Leben, geprägt von 12 Schwangerschaften in 25 Jahren und 5 toten Kindern muss trotz finanziellen Wohlstands sehr hart gewesen sein. Elisabeth war meine Urgroßmutter in 6. Generation.



Die Ersatzmutter - Maria Elisabeth Freund (um 1677)

Maria Elisabeth Freund aus Cleversulzbach heiratet im Alter von rund 20 Jahren den 42jährigen Küfer Hans Martin Böhringer. Erst rund 5 Monate zuvor war seine erste Frau gestorben - im Alter von 40 Jahren. Seine 5 Kinder sind zu diesem Zeitpunkt zwischen 4 und 18 Jahren alt. Hans Martin ist ein angesehener Bürger - er fungiert später als Stadtrat, Bürgermeister und Waisenrichter.

Marias erstes Kind stirbt 3 Monate nach der Geburt. Innerhalb von 7 Jahren bekommt sie 4 weitere. Mit rund 35 Jahren ist sie Witwe - ihre 5 Stiefkinder sind schon erwachsen. Ihre eigenen Kinder sind zwischen 5 und 12 Jahre alt. 1713 heiratete sie ein zweites Mal, vermutlich einen Cousin.

Damals wurden viele Ehen geschlossen, um Kinder und Haushalt versorgt zu wissen. Oft fand die Hochzeit schon wenige Monate nach dem Tod der Vorgängerin statt. Maria Elisabeth war meine Urgroßmutter in 7. Generation.



Mussehe Minderjähriger - Maria Catharina Hilker (1688-1759)

Maria Catharina Hilker ist erst 17 Jahre alt, als sie den 4 Jahre älteren Hans Michael Ehmann heiratet. 11 Tage nach der Hochzeit bringt sie Sohn Caspar zur Welt. Es folgen weitere 6 Kinder, als sie 42 ist das letzte. Der Altersunterschied zwischen jüngster Tochter und ältestem Sohn beträgt knapp 25 Jahre.

Mussehen kommen relativ häufig vor, allerdings dürfte das oben genannte Beispiel einzigartig sein. Minderjährige Bräute findet man ebenfalls einige in der Datenbank, die jüngsten sind 14 oder 15 Jahre alt. Maria Catharina Hilker war meine Urgroßtante in 7. Generation.

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